Vorwort

Der ist ein Narr, der sich an der Vergangenheit die Zähne ausbricht,

 denn sie ist ein Granitblock und hat sich vollendet.

 

Technik entwickelt sich immer vom Primitiven

 über das Komplizierte zum Einfachen.

 

Die Zukunft soll man nicht voraussehen wollen,

 sondern möglich machen.

 

Antoine de Saint-Exupéry

 

Das digital produzierte und analog vorliegende Druckwerk „Digitale Schule Österreich“  ist als Tagungsband anlässlich der eEducation-Sommertagung 2013 erschienen. Diese Veranstaltung ist aus dem eLSA-Projekt des Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur hervorgegangen und fand in Form einer Blended Conference mit Open Space zum zweiten Mal in Kooperation mit dem eLC-Projekt statt. Gastgebende Institution für über 200 Teilnehmende war in der Zeit von 26.8.-28.8.2013 die Alpen-Adria Universität Klagenfurt.

 

In der gleichen OCG-Publikationsserie ist vor drei Jahren das Sammelwerk „25 Jahre Schulinformatik in Österreich“ zum gleichnamigen Symposium im Stift Melk in Niederösterreich erschienen. Am Beginn des Vorworts war von einer Durchdringung des Alltags mit Digitaltechnologie und einer dynamischen Informatisierung unserer Gesellschaft die Rede. Daran hat sich bis heute nichts geändert, im Gegenteil. Der Computer hat sich vor allem in den letzten beiden Jahrzehnten in einer nicht vorauszusehenden Dynamik zu einem vernetzten digitalen Medium entwickelt, das auf viele Bereiche moderner Gesellschaften zum Teil erheblichen Einfluss nimmt. Die Schulen als Lernorte und „Treibhäuser der Zukunft“ sind in besonderer Weise gefordert, den in wissenschaftlichen Publikationen vorhergesagten radikalen Transformationsprozess von der ursprünglich ausschließlich analogen zur analog-digitalen Bildungsinstitution aktiv zu begleiten und zu gestalten. 

 

Während sich die Beiträge im Tagungsband „25 Jahre Schulinfomatik in Österreich“  vorwiegend an der (Schul)Informatik orientieren, wobei digitale Technologien als Gegenstand und Unterrichtsthema im Mittelpunkt stehen, spiegelt dieser Tagungsband in komplementärer Weise einen medienzentrierten Zugang wider, bei dem digitale (Unterrichts)Technologie weniger Unterrichtsgegenstand als vielmehr didaktisches Werkzeug und Unterrichtsmethode ist.

 

Es gibt nicht nur in der Theorie, sondern vor allem in der gelebten Schulpraxis, nach wie vor eine große Unschärfe in den Begriffen Informatik, IKT und digitale Medienbildung auf der einen, sowie E-Learning bzw. digitale Unterrichtstechnologien und Mediendidaktik auf der anderen Seite.  Die in der UNESCO-Publikation „Media Education“ (Frau-Meigs, 2006) getroffene Feststellung "Teaching about the media should not be confused with teaching through the media - although this confusion may be increasing as a result of the dissemination of information and communication technologies in education" drückt dieses Dilemma zutreffend aus. 

 

Die Synopse beider Tagungsbände stellt einen redlichen Versuch dar, die Digitale Schule in ihrer Komplexität als Ligatur von informatischer Bildung und Medienbildung darzustellen. Andererseits sollen beide Publikationen durch die Vielfalt der insgesamt fast einhundert Beiträge auch dazu beitragen, die Domänen Informatik, IKT, Medienbildung und digitaltechnologisch gestütztes Lehren und Lernen auseinanderzuhalten. Die Anzeichen stehen gut, dass diese Begriffsklärung gelingen kann und für die Schulpraxis nicht wirkungslos bleibt. 

 

Das Tagungsmotto „Kein Kind ohne digitale Kompetenzen“ zielt nicht nur auf die Altersgruppe der 10 bis 14-Jährigen in der Sekundarstufe I, also den mittleren Bildungsabschnitt, sondern mit dem "Österreichischen Referenzrahmen für Digitale Kompetenzen" auch auf einen inhaltlichen Kompromiss und Mittelweg zwischen Medienpädagogik und Informatik, der den Ansprüchen auf Vollständigkeit, Konsistenz und Kohärenz gerecht zu werden sucht.  

 

Es ist nicht vermessen, in Bezug auf die Digitale Schule von einer sehr großen Baustelle im österreichischen Bildungswesen zu sprechen, auch auf die Gefahr hin, dass einige schulpolitische Entscheidungsträger dies nicht so sehen können oder wollen. In diesem Tagungsband gibt es gleich im ersten Kapitel „(Digitale) Medienbildung“ Positionspapiere, Konzepte und Pläne, auf dieser Baustelle ein zukunftsweisendes und stabiles Gebäude zu errichten. Die Beiträge zum ambitionierten Bildungsprogramm digi.komp (Nárosy, Weller), das nach einer langen Vorgeschichte nunmehr knapp vor der schulpraktischen Umsetzung steht, sind ebenso dazuzuzählen wie das umfassende bundesdeutsche Medienpädagogische Manifest (Niesyto et al.). Eine interessante angloamerikanische Sichtweise zeigt der Beitrag von Moser zum Thema "Digital Citizenship" auf.

 

Das einzig Beständige in der österreichischen LehrerInnenbildung der letzten Jahre ist die Veränderung. Nach der Einrichtung der Pädagogischen Hochschulen im Jahr 2007 steht mit der PädagogInnenbildung NEU der nächste große Reformschritt an. Die stärkere  Implementierung digitaler Medien sowohl in die Aus- wie auch in die Fort- und Weiterbildung der Lehrenden ist ein Anliegen, das bereits dem Entwicklungsrat zur PädagogInnenbildung NEU vorgelegt wurde. In diesem Zusammenhang stellt Brandhofer einige Legitimationsmuster für den Einsatz digitaler Medien im Unterricht und erste Ergebnisse einer Befragung zu den digitalen Kompetenzen der Lehrenden vor. Ein von einer Arbeitsgruppe der OCG erarbeitetes Positionspapier zur LehrerInnenfortbildung ist ebenfalls Teil dieses Sammelbandes. Eine weitere Arbeitsgruppe, die E-Learning-Strategiegruppe der Pädagogischen Hochschulen, hat sich intensiv mit den Kompetenzen auseinandergesetzt, die jeder Absolvierende einer LehrerInnenausbildung aufweisen soll. Das Ergebnis in Form eines Weißbuches wurde sowohl den beiden Ministerien als auch dem Entwicklungsrat zur PädagogInnenbildung NEU vorgelegt. Nárosy und Waba beschreiben in ihrem Beitrag die Rolle der Virtuellen Pädagogischen Hochschule für die österreichische LehrerInnenfortbildung. Harrich von der PH Kärnten hat eine Evaluationsstudie durchgeführt, deren Ergebnisse im Kontext von EPICT und Lernplattformen durchaus aufschlussreich sind. Über die Services der Education Group, einen gewichtigen digitalen Player und Anbieter des größten österreichischen Bildungsportals, geben Simmetsberger und Leeb einen guten Überblick.

 

Die  Wurzeln der Digitalen Schule Österreich reichen bis in das Jahr 1969 zurück, in dem an einem Wiener Gymnasium ein Pilotversuch eines  Lehrganges EDV eingerichtet wurde, wie aus dem von Fischer herausgegebenen Sammelband „Österreichs Schule 2000 - Computer, Informatik und Neue Medien im Unterricht“ (Leykam 1988), hervorgeht. Auch im höheren berufsbildenden Schulwesen lassen sich viele historische Bezüge nachweisen, wie Demetz diese in seiner Retrospektive "Computer machten Schule - 20 Jahre Computereinsatz im Unterricht" (Trauner 1995) dokumentiert hat. Die 1990-er Jahre und der Stand der damaligen Unterrichtstechnologien werden in diesem Tagungsband in einem ausführlichen historisierenden Beitrag von Reiter dargestellt. 

 

Weiters werden im Abschnitt Digitale Initiativen beispielhaft einige langjährige österreichweite und nach wie vor aktuelle Bildungsprogramme wie der Media Literacy Award (Fritz, Schipek), das IMST-Themenprogramm Kompetenzorientiertes Lernen mit digitalen Medien (Koller et al.), und die nunmehr 15-jährige Erfolgsgeschichte des ECDL an Schulen (Karner, Prumetz) zusammengefasst. Einen aufschlussreichen Einblick in die Entwicklung des Fernstudiums an Abendgymnasien gewährt Steinkogler. Oudin bietet eine Retrospektive über 30 Jahre technologiegestützen Physikunterricht. Mit einem Blick zu unserem Nachbarn, bei dem Hunya ungarische Schulen einem digitalen System-Monitoring unterzieht, und den exemplarischen Ergebnissen der diesjährigen eEducation-Umfrage (Steinkogler) schließt dieser Abschnitt.

 

Bereits Mitte der 1980er-Jahre setzte Heinrich Legat in der Volksschule Oberhaag und später auch in der Volksschule Graz-Gösting auf Basis eines vom BMUKK und dem LSR für Steiermark genehmigten Schulversuches "EDV in der Grundschule" erstmals in Österreich Computer und neue Medien als didaktische Behelfe ein. Darüber erschien sein Buch unter dem Titel "Computer im Unterricht" (Leykam 1988). Daran anknüpfend startete das BMUKK eine neue Initíative, in die bis 2002 mehrere Wiener Volksschulen und auch etliche Standorte in den Bundesländern einbezogen wurden. Der Beitrag von Reiter im vorigen Abschnitt gibt auch einen guten Einblick in diese Pionierzeit. Die Beiträge zu Digitalen Medien in der Volksschule von Konrad-Lustig (Medienschwerpunkt PH Steiermark) und Kornberger/ Jaklitsch (Lesekompetenz) deuten die Bemühungen an, digitale Technologien in österreichischen Volksschulen weiterhin verstärkt zu thematisieren und verankern. Wie weit die digitale Vermessung von Volksschulkindern gehen kann, zeigt ein diskussionswürdiger Beitrag von Hammermüller auf. Abschließend werden die Ergebnisse einer Arbeitsgruppe, Digitale Kompetenzen in Form eines Referenzmodells auch im Bereich der österreichischen Primarstufe, ähnlich der Initiative in der Sekundarstufe I, zu standardisieren, von Mulley und Zuliani beschrieben. 

 

Dem gegenwärtig nur mehr schwer zu überblickenden Angebot an Unterrichtssoftware, Webtechnologien und einer (neuen) Didaktik ist der Abschnitt Werkzeuge und Methoden gewidmet. Neueste Technologien wie 3D-Simulationen (Bamford), die kompetenzorientierte Produktion digitaler Artefakte (Frick), "cooles" Lernen (Pasterk, Sabitzer), Lernplattformen (Ulbing), Gamification (Gabriel) und der Einsatz von Screen Capturing (Stannard) legen ebenso Zeugnis ab für die enorme Breite an didaktischen Ermöglichungsräumen wie diverse digitale Präsentationsformen (Benesch, Schuch) oder der Einsatz digitaler Endgeräte im Musikunterricht (Augustyn) sowie bei Gehörgeschädigten (Reischl).

 

Mobiles Lernen wird seit der Jahrtausendwende intensiv erforscht. Damals zwar noch mit PDAs (Personal Digital Assistent), aber eigentlich waren die Ansätze dieselben. Nun durchdringt eine hohe Anzahl immer kleinerer digitaler Geräte unseren Alltag. Smartphones und Tablets sind massentauglich geworden, wodurch dieses Thema zwangsläufig in den Schulalltag Einzug hält. In diesem Tagungsband beschreibt Döring, wie mobiles Lernen in der Praxis aussieht und aussehen kann. Grimus und Ebner geben eine Übersicht, warum M-Learning auch weltweit ein essentieller Bestandteil des Bildungswesens sein wird, während Bachmair in seinem Beitrag in die Tiefe geht und didaktische Umsetzungen beschreibt. Sehr praxisorientiert mit konkreten Handlungsanweisungen zeigt Hofer, wie der Einsatz mobiler Technologien in der Oberstufe aussehen kann.

 

Seit die UNESCO 2002 offiziell Open Educational Resources (OER), also freie Bildungsressourcen, in ihr Programm aufgenommen hat, gibt es in diesem Bereich Fortschritte, die vermehrt auch Schulen erreichen. Freie Bildungsressourcen sind grundsätzlich frei zugänglich und (!) stehen über eine entsprechende Lizensierung für eine freie Verwendung zur Verfügung. Durch die vor allem in Mitteleuropa sehr strengen Urheberrechtsgesetze ist die Verwendung von OER im digitalen Klassenzimmer die wohl einzig mögliche langfristige Lösung. In diesem Band finden Sie einen Artikel von Ebner el at., in dem weltweite E-Book-Initiativen und die Zugänge anderer Staaten dargestellt werden. Pollek schließlich teilt uns  Erfahrungen aus COER13 mit, dem ersten deutschsprachigen MOOC (Massive Open Online Course) rund um das Thema freie Bildungsressourcen. Schließlich führen Hohenwarter und Kimensweger in die Weiterentwicklung von GeoGebra ein, eine mathematische Software, die weit über unsere Landesgrenzen bekannt ist und weltweit in Schulen eingesetzt wird.

 

Beiträge mit Informatik-Bezug, wo doch die Informatik unmittelbare Bezugswissenschaft unserer zunehmend digital gepägten Kultur ist, können von einem Tagungsband, der sich der "Digitalen Schule" verschrieben hat, nicht ausgespart bleiben. Antonitsch setzt sich für eine zeitgemäße informatische Bildung bereits in der Primarstufe ein. Micheuz diskutiert unter anderem die Anschlussfähigkeit des Referenzrahmens „Digitale Kompetenzen“ in Bezug auf das Kompetenzmodell für das Fach Informatik in der AHS-Oberstufe. Grossmann et. al. skizzieren Modelle einer praxisbezogenen LehrerInnenbildung im Bereich der Informatik, und in der Evaluationsstudie von Schedler geht es um die Erwartungen von Lehrlingsausbildnern an die Abgänger von Pflichtschulen in Bezug auf EDV- bzw. informatische Kompetenzen. Dieser Abschnitt schließt mit einem nachdenkwürdigen Grundsatzartikel von Hartmann über die Grenzen der Schriftkultur im Digitalzeitalter und ihre notwendige Erweiterung.

 

Dem Herausgeberteam war es ein Anliegen, mit diesem Tagungsband viele Facetten der bunten und heterogenen Digitalen Schule (in Österreich) aufzuzeigen. Diese Publikation ist an alle Akteure auf unterschiedlichen Ebenen des Bildungssystems (Schule, mittlere Schulverwaltung, Bildungsministerium sowie Aus- und Weiterbildungsinstitutionen wie PH und Universität) gerichtet, die für die Weiterentwicklung der Digitalen Schule in Österreich Verantwortung tragen. Dank der Tiefe und Breite der Beiträge stellt sie ein historisches Dokument zur Bestandsaufnahme der sich weiterentwickelnden österreichischen Digitalen Schule dar. 

 

Es kann nur das gemeinsame Ziel sein, die Rahmenbedingungen für einen angemessenen digitalen Kompetenzerwerb für alle Schülerinnen und Schülern und alle lernende Lehrenden permanent zu verbessern, und zwar auf Basis einer soliden informationstechnologischen Grundbildung, die sowohl die notwendige kritische Reflexion als auch gestaltendes Kreativitätspotenzial einschließt. Der Tagungsband soll nicht zuletzt auf diese große Herausforderung für das gesamte Bildungswesen aufmerksam machen.

 

Es bleibt noch jenen Dank auszusprechen, die zum Gelingen dieses Tagungsbandes beigetragen haben, allen Verfasserinnen und Verfassern der Beiträge, dem Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur für einen namhaften Druckkostenbeitrag und der Österreichischen Computer Gesellschaft für die Unterstützung bei der Herstellung.  

 

Das Maß der digitalen Schule ist und bleibt der analoge Mensch.

 

Peter Micheuz, Anton Reiter, Gerhard Brandhofer, Martin Ebner, Barbara Sabitzer

Juni 2011

Alles schon da gewesen?

Dezember 2005

Besuchen Sie auch
www.informatiklehrer.at

Da waren ja einmal Bildungsstandards ...
Aus der Mode?